Versuchsanordnungen zwischen Skulptur und Tanz – Interview mit der Performerin Maren Strack | SIGRUN HELLMICH

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Maren Strack. Peformance Muddclubsolo.
photo by Tanahashi

Für die Performerin Maren Strack ist Tanz ein bildhauerischer Vorgang. Lustvoll und bis an die Grenzen ihrer Kraft agiert sie mit ungewöhnlichen Materialien und Requisiten.

Maren Strack ist in Hamburg geboren, studierte an der Akademie der bildenden Künste in München. Mit zahlreichen Performances und Installationen wurde sie international bekannt. 1995 erhielt sie das Förderstipendium für Theater/Tanz der Landeshauptstadt München, 1998 den Sonderpreis für das beste deutsche Tanzsolo in Leipzig sowie 2004 den Autorenpreis des Jungen Theaters Bremen. Sie lebt und arbeitet in Berlin.

Sigrun Hellmich: Maren Strack, Sie haben an der Akademie der Bildenden Künste München Bildhauerei studiert. Wie sind Sie Performerin geworden?

Maren Strack: Zu Beginn fand ich das Studium zu klassisch, konnte nicht Fuß fassen und habe wahrscheinlich auch keine guten Arbeiten produziert. Ich habe mich deshalb viel außerhalb der Akademie bewegt, war Tänzerin in einer durch die spanischen Bars und kleine Konzertbühnen tourenden Flamencotruppe, außerdem Schauspielerin in verschiedenen Theatern. 1992 habe ich mit Freunden ein Theaterkollektiv gegründet, das dann durch die USA und Mexiko getourt ist. Meine ersten guten Arbeiten entstanden, als ich in der darstellenden Kunst vollkommen aufgegangen, wieder anfing, in der bildenden Kunst und an der Akademie zu arbeiten.

SH: Sie bezeichnen sich aber nicht als Performerin, sondern als Bildhauerin, Choreografin, Tänzerin, Musikerin?

MS: Das ist einfach eine genauere Erklärung dafür, was ich tue und welche Bereiche für meine Arbeit wichtig sind.

SH: Bewegung ist bei Ihnen fast immer tänzerische Bewegung. Sie nehmen sogar Elemente des Flamencos direkt auf. Was bedeutet dieser Tanz für Sie?

MS: Es ist ein Material, das ich verwende. Mich interessiert der Zusammenhang von Bewegung und daraus resultierendem Klang. Über Kastagnetten und Füße kann eine Flamencotänzerin durch den Tanz die Musik zu ihrem Tanz selbst erzeugen.

SH: In der Performance „Ytong“ zertanzen Sie einen Stein. Ist das ein Sinnbild für die Kraft des Tanzes? Oder die Macht des Weiblichen?

MS: Die Performance macht die Präzision und Kraft sichtbar, die im Zapateado – der Fußarbeit der Flamencotänzerin – steckt. Es ist ein präzise in den Stein gehauener Tanz. Ein getanzter bildhauerischer Vorgang.

SH:Ihre Performances wirken wie zum Leben erweckte surreale Bilder. Wie finden Sie die Ideen? Einmal tanzen Sie in einem langen Kleid aus Latex, das auf dem Boden befestigt ist. Ihr schöner Haarzopf wird von einer Nähmaschine als Gegengewicht in die Höhe gezogen. Alle Bewegungen erzeugen eigenartige Geräusche.

MS: Die Idee zu Latex hatte ich beim Ansehen eines klassischen Balletts. In dem Stück gab es eine Tänzerin, die mit unglaublicher Leichtigkeit sehr hoch sprang. Ich stellte mir die Frage, wie man die Kraft, die sie ja tatsächlich in einen Sprung steckt, sichtbar machen kann und was passiert, wenn man dieser Kraft etwas entgegensetzt. Das Ergebnis war das am Boden befestigte Latexkleid, das die Tänzerin immer wieder nach unten zieht. In dessen Dehnung kann sie sich aber auch hinein bewegen und springen. Letztendlich habe ich diese Versuchsanordnung zu einer stimmigen Performance für mich selbst entwickelt.


Maren Strack. Performance Reservereifen.
photo by Hartung

Räumliche Collagen und Lügen

SH: Es gibt auch abendfüllende Aufführungen, die wie räumliche Collagen anmuten. Die Serie über den weiblichen Cowboy Calamity Jane, die Rennfahrerin Clairenore Stinnes und die Pilotin Elly Beinhorn entstand in Zusammenarbeit mit dem „post theater“. Sind Sie wirklich durch Ihre Ururgroßeltern auf diese Frauen aufmerksam geworden?

MS: Calamity Jane war eine große Lügnerin. Man weiß nicht, welche Teile ihrer Biografie erfunden sind, ob sie zum Beispiel wirklich ein Kind hatte. Nachdem wir uns viel mit ihr beschäftigt hatten, erlogen wir einen Teil des Pressetexts zur Performance. In dieser Zeit nahmen viele Künstlerinnen und Künstler die eigene Biografie als Ausgangspunkt für ihre Arbeit. Deshalb wurde mein erfundener irischer Urgroßvater, der in das Dorf, in dem Calamity Jane lebte, auswanderte und sie vermutlich auch kannte, eventuell sogar einen unehelichen Sohn mit ihr gezeugt hat, als Wahrheit angenommen. Meine ganze illustre Verwandtschaft, die auch in den Pressetexten der beiden anderen Stücke vorkam, ist erlogen.

SH: Spielen Ironie und Slapstick eine Rolle? Zum Beispiel wenn sich der riesige Rock, den Sie in der Performance „muddclubsolo“ tragen, als Zelt entpuppt? Außerdem verblüffen Sie die Zuschauer. Denn es sieht so aus, als würden Sie an den Haaren aufgehängt über dem Boden schweben.

MS: Ich habe nach einer einfachen Möglichkeit gesucht, eine Krinoline zu bauen. Dabei bin ich auf die Konstruktion eines Igluzelts gestoßen und habe schließlich das Zelt selbst als Rock verwendet. Ich hatte nun eine Tür im Rock, die ich aufmachen konnte und durch die eine Vorstellung nach außen beginnen konnte. Stück für Stück habe ich mit diesem Bild dann die Performance entwickelt. Ich habe immer wieder gemerkt, dass eine auf diese Art konsequent verfolgte Idee die Zusehenden zum Lachen bringt. Das ist gut – aber es ist nicht von vornherein meine Intention.

Ungebremster Energiefluss und Pannen

SH: Sie setzen Material, Technik und Klang konzeptionell ein. Die Performances faszinieren aber vor allem durch Ihren Körpereinsatz. Birgt die Rolle als Gesamtkunstwerk nicht auch Gefahren?

MS: Meine Performances sind Versuchsanordnungen, meistens Installationen. Ich bin Teil der Installation und bewege sie. Ist eine Versuchsanordnung stimmig, wird die Performance gut. Diese Versuchsanordnungen bedienen sich zwar unterschiedlicher Medien und Disziplinen – ich würde sie aber nicht als Gesamtkunstwerk bezeichnen.

SH: Was werden Sie in São Paulo zeigen?

MS: Die Performance Reservereifen. Es ist eine Autoreifenchoreografie, ein Auszug aus der Performance Figure 8 Race. Das Figure 8 Race ist ein amerikanisches Autorennen in 8-förmiger Rennstrecke. In der Mittelkreuzung dieser Rennen gibt es hin und wieder einen Crash. Die Performance benutzt die Figur 8 als Bewegungsmuster, das ungebremsten Energiefluss erlaubt, und handelt von Bewegung und Pannen. Visoes Urbanas hat sich die richtige Performance für die Straße ausgesucht!

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First published on www.goethe.de reprinted with kind permission by Goethe-Institut e.V.